Meine Beine sahen aus wie ein Streuselkuchen
Stroh einholen war die härteste Arbeit im Jahr. Und einer der schönsten Tage.
Wir hatten einen kleinen Hof. Nicht groß, aber alles dran.
Mein Vater ging nebenbei arbeiten. Meine Mutter hat im Grunde den Hof gemacht, und was danach noch übrig war, machte mein Vater abends nach der Arbeit.
Wenn das Korn gemäht war, wurde gewendet. Das haben oft schon meine Brüder erledigt, mit dem kleinen Kriegkarren.
Und dann hieß es irgendwann: Heute Nachmittag holen wir Stroh. Oder morgen, je nachdem, wie das Wetter stand.
Dann kamen alle
Die Nachbarn kamen. Die Nachbarsjungs auch, je nachdem, wie alt die gerade waren.
Meine Mutter und ich standen auf dem Wagen. Wir haben die Ballen gepackt und gestapelt, immer weiter nach oben, damit nichts runterfällt auf dem Weg.
Stroh pikst. Das kann sich keiner vorstellen, der das nie gemacht hat. Abends sahen meine Beine aus wie ein Streuselkuchen, so voller kleiner roter Punkte.
Zu Hause wurde alles auf den Solder gepackt. Und da lag es dann auch nicht einfach so – da musste jeder Ballen wieder an seinen Platz.
Das waren immer ein, zwei Nachmittage. Richtig anstrengend.
Und trotzdem war es schön
Ich schreibe das hier hin, weil es wichtig ist: Das war einer der schönsten Tage im Jahr.
Nicht obwohl es Arbeit war. Sondern weil wir alle zusammen waren.
Hinterher haben die Männer ein Bierchen getrunken. Es wurde gegrillt. Man saß noch draußen, alle staubig und müde, und irgendeiner hat eine Geschichte erzählt.
Das war jedes Mal ein schöner Abschluss.
Woran ich heute denke, wenn mir das einfällt
Ich arbeite immer noch viel. Das hat sich nicht geändert.
Was sich geändert hat: Es hört nicht mehr auf.
Damals hatte die Arbeit ein Ende. Der Wagen war leer, das Stroh lag oben, fertig. Man konnte hinschauen und sehen, was man geschafft hatte. Und alle anderen konnten es auch sehen.
Heute räume ich die Küche auf, und morgen ist sie wieder voll. Ich wasche, und der Korb füllt sich. Es gibt keinen leeren Wagen mehr, auf den man zeigen kann.
Und keiner sieht es.
Damals hat es jeder gesehen. Der Nachbar sah, was du getragen hast. Deine Mutter stand neben dir auf dem Wagen. Am Abend saßen alle zusammen, und es war klar, wovon man müde war.
Das fehlt mir manchmal. Nicht das Stroh. Das Sehen.
Vielleicht kennst du das
- Du arbeitest den ganzen Tag und kannst abends nicht sagen, was du eigentlich gemacht hast.
- Deine Arbeit fällt nur auf, wenn sie mal nicht gemacht ist.
- Du hättest gern einmal, dass jemand sagt: Ich habe gesehen, was du heute geschafft hast.
- Anstrengung macht dir nichts aus – solange sie irgendwo hinführt.
Mein Tipp für heute Abend
Sag einmal laut, was du heute geschafft hast.
Zu jemandem, wenn einer da ist. Und wenn keiner da ist, dann eben zu dir, in der Küche, während du das Licht ausmachst.
"Heute habe ich die Wäsche gemacht, eingekauft, und ich war noch bei meiner Mutter."
Und dann kein "aber das ist ja nichts Besonderes". Kein "das macht ja jeder". Der Satz hört auf, wo er aufhört.
Das ist dein leerer Wagen. Den musst du dir heute selbst hinstellen, weil niemand mehr danebensteht und zuschaut.
Ein paar Fragen für dich
Vielleicht abends, wenn es ruhig geworden ist.
Welche Arbeit hast du gern gemacht, weil ihr sie zusammen gemacht habt?
Wann hat zuletzt jemand gesehen, was du geleistet hast – und gesagt hat er es auch?
Was von dem, was du heute tust, hat überhaupt ein Ende?
Bei der letzten fällt einem erschreckend wenig ein.
Der Satz für heute
"Ich war müde, und es war schön. Beides ging."Der Satz für heute
Es geht nicht darum, weniger zu tun.
Es geht darum, dass es wieder irgendwo hinführt – und dass jemand hinschaut. Und wenn keiner hinschaut, dann eben du.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel