Ich bin aufgestanden und habe geschrien
Um elf Uhr morgens, mitten bei der Arbeit, mit siebenundfünfzig
Die E-Mail kam an einem ganz normalen Vormittag.
Ich habe sie aufgemacht, gelesen, nochmal gelesen – und dann bin ich aufgestanden und habe laut gejubelt. Richtig laut. Geschrien, ehrlich gesagt.
Alle haben hochgeguckt. Was ist los? Was machst du denn?
Ich habe es geschafft. Ich darf mit.
Warum das so ein Moment war
Ich hatte mich auf etwas eingelassen, bei dem man sich anstrengen musste. Ein Wettbewerb über drei Monate.
Die ersten zwei Monate konnte man sehen, wo man steht. Ich habe jeden Tag nachgeschaut, und ich wusste: Ich bin gut.
Und dann wurde im letzten Monat alles ausgeblendet. Kein Stand mehr, keine Liste, nichts. Man macht weiter und weiß nicht mehr, ob es reicht.
Vier Wochen lang.
Deshalb der Schrei.
Das war nicht das erste Mal
Mit Ende zwanzig habe ich schon einmal etwas nebenbei aufgebaut.
Meine Kinder waren klein. Ich hatte etwas gefunden, das mir Spaß machte und das ich konnte – und ich war richtig gut darin.
So gut, dass ich mit vierunddreißig eine Reise gewonnen habe. Der Große war fünfeinhalb, der Kleine dreieinhalb. Ich war eine Woche weg, die Kinder zu Hause gut versorgt.
Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich für etwas ausgezeichnet wurde, das ich selbst gemacht hatte. Nicht als Mutter, nicht als Tochter, nicht als die, die hilft. Als ich.
Und dann habe ich aufgehört
Das ist der Satz, bei dem ich nicht weiterschreibe.
Nicht, weil er ein Geheimnis wäre. Sondern weil du ihn wahrscheinlich selbst kennst, in deiner eigenen Fassung. Da war etwas, du warst gut darin, und dann war es weg.
Die Gründe sind bei jeder anders. Das Ergebnis ist dasselbe.
Dazwischen lagen fast zwanzig Jahre
Zwanzig Jahre, in denen ich viel gearbeitet und wenig für mich gemacht habe.
Und dann, mit dreiundfünfzig, habe ich noch einmal angefangen. Einfach so, nebenbei, ohne großen Plan.
Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich fünf Jahre später an einem Schreibtisch sitze und schreie.
Friedrichshafen
Vorher war ich auf einer großen Veranstaltung, mit sehr vielen Leuten. Ich stand nicht vorne auf der Bühne – dafür waren wir viel zu viele.
Aber ich saß da unten und dachte: Ich gehöre hierher. Ich bin nicht zufällig hier, ich habe mich hierhergearbeitet.
Auf der Bühne zu stehen war nie mein Ding. Dazuzugehören schon.
Kroatien
Vier Tage in Šibenik. Zwei Hotels, Workshops, Ausflüge, abends zusammensitzen.
Und das Beste war nicht das Meer und nicht das Hotel.
Das Beste waren die Frauen. Lauter Menschen mit denselben Gedanken, denselben Wünschen, derselben Hoffnung. Man setzt sich hin und muss nichts erklären.
Ich bin gerade erst zurück, und ich zehre noch davon.
Vielleicht kennst du das
- Du warst mal richtig gut in etwas, und heute machst du es nicht mehr.
- Du weißt genau, wann es aufgehört hat – und redest nicht gern darüber.
- Du denkst, für einen Anfang ist es zu spät.
- Und wenn du ehrlich bist, hast du dich seit Jahren über nichts mehr so gefreut, dass du laut geworden wärst.
Das ist kein Vorwurf
Nicht an mich von damals. Die hatte zwei kleine Kinder und einen vollen Tag.
Ich sage auch nicht, dass jede etwas aufbauen soll. Das ist nicht der Punkt, und es ist auch nicht für jede das Richtige.
Der Punkt ist ein anderer: Das, was du konntest, ist nicht weg. Es liegt nur still.
Mit vierunddreißig war es schon in mir drin. Mit siebenundfünfzig war es immer noch da. Es hat nur zwanzig Jahre gewartet.
Mein Tipp
Denk einmal an etwas, in dem du richtig gut warst. Nicht an einen Beruf – an irgendetwas. Ein Handgriff, ein Gespür, eine Sache, bei der die Leute sagten: Das kannst du aber gut.
Und dann mach es diese Woche ein einziges Mal. Zwanzig Minuten. Ohne Ziel, ohne dass etwas dabei herauskommt.
Du musst nichts daraus machen. Du sollst nur merken, dass es noch da ist.
Ein paar Fragen für dich
Wofür bist du zuletzt gelobt worden – für etwas, das du selbst gemacht hast?
Was hast du mal angefangen und wieder gelassen?
Wann hast du dich zuletzt so gefreut, dass du laut geworden bist?
Bei der letzten braucht es manchmal ein paar Minuten. Und wenn dir nichts einfällt, ist das keine Schande. Es ist nur ein guter Grund, etwas zu ändern.
Der Satz für heute
„Diesmal höre ich nicht auf."Der Satz für heute
Ich bin achtundfünfzig.
Ich habe eine Zeit hinter mir, in der mir vor lauter Stress die Haare ausgefallen sind. Ich bin ausgezogen, habe mich neu ausbilden lassen, noch einmal angefangen.
Und im Frühjahr sitze ich an einem Schreibtisch und schreie vor Freude, dass die Kollegen zusammenzucken.
Es ist nicht zu spät. Es ist nur später als gedacht.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel