Ich habe meine Pausen versteckt
Wenn das Garagentor hochging, war ich in drei Sekunden in der Küche
Ich saß gern draußen auf der Terrasse. Oder drinnen im Wohnzimmer, wenn es kühl war.
Musik an, leise. Manchmal auch der Fernseher. Nichts Besonderes – einfach sitzen.
Und dann hörte ich das Auto.
Man hört so etwas sofort
Man hört, wenn jemand in die Einfahrt fährt. Man hört das Garagentor hochgehen.
Ich kannte diese Geräusche so gut, dass ich sie im Schlaf erkannt hätte. Und mein Körper wusste, was zu tun war, bevor ich einen Gedanken gefasst hatte.
Musik aus. Fernseher aus. Tasse mitnehmen. In die Küche.
Und wenn dann jemand hereinkam, stand ich da und war beschäftigt.
Damit es so aussah, als hätte ich durchgearbeitet
Das war der ganze Zweck der Übung.
Ich habe nichts Verbotenes getan. Ich habe gesessen. In meinem eigenen Haus, an einem Nachmittag, nach einem Vormittag voller Arbeit.
Und trotzdem habe ich es weggeräumt wie etwas, das keiner sehen darf.
Das ging jahrelang so
Nicht Wochen. Jahre.
Ich habe nie darüber nachgedacht, ob das merkwürdig ist. Es war einfach so, wie man es macht. So wie man Schuhe an der Tür auszieht.
Erst viel später ist mir aufgefallen, was für ein Satz das eigentlich ist: Ich habe meine Pausen versteckt.
Man muss ihn nur einmal laut sagen, dann hört man ihn.
Woher das kam
Vom Hof, glaube ich.
Bei uns wurde gearbeitet. Immer. Wer saß, hatte entweder gerade etwas fertig gemacht oder war krank. Ein drittes gab es nicht.
Und als Kind lernt man nicht die Regel, sondern das Gefühl dazu. Das Gefühl heißt: Sitzen muss man sich verdienen, und zwar jedes Mal neu.
Was das kostet
Das Schlimme am Verstecken ist nicht das Verstecken.
Das Schlimme ist, dass eine Pause, bei der man erwischt werden könnte, keine Pause ist. Man sitzt ja nicht wirklich. Man sitzt und horcht.
Ich habe jahrelang Pausen gemacht, von denen ich nichts hatte.
Vielleicht kennst du das
- Du räumst schnell etwas weg, wenn jemand kommt – und es ist gar nichts dabei.
- Du sagst „ich mach grad nur eben", obwohl du seit einer Stunde arbeitest.
- Du hast ein schlechtes Gewissen beim Sitzen, aber keins beim Durcharbeiten.
- Und wenn du ehrlich bist: richtig ausgeruht hast du dich zuletzt vor Jahren.
Das ist kein Vorwurf
Nicht an mich von damals. Die hat gemacht, was sie konnte, mit dem, was sie gelernt hatte.
Und ich sage auch nicht, dass jemand das von mir verlangt hätte. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich habe nie gefragt und es nie ausprobiert.
Vielleicht hätte gar keiner etwas gesagt. Das ist der unangenehmste Gedanke von allen.
Heute
Heute kommt niemand, vor dem ich etwas wegräumen müsste.
Mein Lebensgefährte freut sich, wenn ich sitze. Er sagt mir das oft genug: Kannst du nicht einfach mal entspannen? Dich ausruhen? Mal nichts tun?
Und jetzt kommt der Teil, den ich eigentlich nicht schreiben wollte.
Ich kann es immer noch nicht.
Ich kann mich hinsetzen. Ich kann Kaffee trinken. Aber irgendetwas mache ich dabei immer. Ein Zettel, das Telefon, die Wäsche im Kopf durchgehen.
Vierzig Jahre kriegt man nicht in zwei Jahren weg.
Mein Tipp
Setz dich einmal hin, mit nichts in den Händen. Fünf Minuten.
Kein Telefon, kein Zettel, keine Tasse zum Festhalten. Einfach sitzen.
Und dann pass auf, was passiert. Bei mir kommt nach ungefähr vierzig Sekunden der Impuls, aufzustehen und etwas zu holen. Irgendetwas. Damit die Hände beschäftigt sind.
Du musst dagegen nicht ankämpfen. Merk es dir nur. Zu wissen, dass es diesen Impuls gibt, ist schon der halbe Weg – danach kann man ihn nämlich vorbeiziehen lassen.
Ein paar Fragen für dich
Wann hast du zuletzt gesessen, ohne dabei etwas zu machen?
Räumst du etwas weg, wenn jemand nach Hause kommt? Was?
Und wenn du dich hinsetzt – vor wem rechtfertigst du dich eigentlich?
Bei der letzten kommt oft heraus: vor niemandem. Der Mensch, vor dem man sich versteckt, ist längst nicht mehr da. Nur die Gewohnheit ist geblieben.
Der Satz für heute
„Ich kann sitzen. Nichts tun kann ich immer noch nicht."Der Satz für heute
Das ist kein gutes Ende, ich weiß.
Aber es ist ein ehrliches. Und mir ist ein ehrliches lieber als eins, das sich gut liest und bei dir zu Hause nicht stimmt.
Angefangen hat es damit, dass ich den Satz überhaupt erkannt habe: Ich habe meine Pausen versteckt.
Der Rest dauert.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel