„Mama, du hast hinten ja kaum noch Haare"
Ich hatte es selbst nicht gesehen. Wir hatten keinen Spiegel für den Hinterkopf
Das hat mein jüngster Sohn gesagt. Einfach so, im Vorbeigehen, wie Söhne das sagen.
Ich bin ins Bad und habe versucht, mich von hinten zu sehen. Ging nicht. Ich habe einen Handspiegel geholt und mich verrenkt, bis ich es sehen konnte.
Er hatte recht.
Ich habe in einer Schokoladenmanufaktur gearbeitet
Am Pinseltisch. Wir haben Hohlfiguren ausgemalt – mit weißer Schokolade, mit Vollmilch, mit dunkler. Erst wird ausgemalt, dann wird gegossen.
Das war schöne Arbeit. Feine Arbeit, ruhige Hände, ein Pinselstrich nach dem anderen. Ich konnte das gut, und ich habe es gern gemacht.
Es gibt an so einem Ort aber auch Arbeiten, die keiner mag. Die gibt es überall.
Dann wurde eine Kollegin Vorarbeiterin
Eine gute Kollegin. Wir hatten uns immer verstanden.
Es gibt diesen Spruch: Gib Leuten Macht, dann lernst du sie kennen. Der stimmt leider.
Und sie wusste genau, was ich gern machte und was nicht. Das ist ja das Schlimme daran, wenn es jemand ist, der einen kennt: Sie musste nicht raten.
Ich bekam nur noch die Arbeit, die keiner wollte. Nicht einmal, nicht eine Woche lang – immer.
Und plötzlich konnte ich nichts mehr richtig machen
Was ich auch tat, es war falsch.
Zu langsam. Zu ungenau. Nicht so, wie man das macht. Ich habe dieselbe Arbeit gemacht wie in all den Jahren davor, und auf einmal taugte sie nichts.
Man fängt an, sich selbst zu misstrauen. Das ist der Punkt, an dem es gefährlich wird. Nicht die Sprüche – die hält man aus. Sondern dass man anfängt zu glauben, es könnte etwas dran sein.
Ich bin oft auf die Toilette gegangen
Mehrmals am Tag. Nicht, weil ich musste.
Ich habe mich eingeschlossen und geweint, und dann bin ich zurück an den Pinseltisch und habe weitergemalt.
Das ging ein halbes Jahr so. Eher dreiviertel.
Gesagt habe ich niemandem etwas
Meinem Chef nicht. Den Kolleginnen nicht.
Ich weiß bis heute nicht genau, warum. Wahrscheinlich, weil ich dachte, ich müsste das aushalten. Weil ich es gewohnt war auszuhalten. Und weil man sich ja schämt – man will nicht die sein, die sich beschwert.
Also habe ich es mit mir allein ausgemacht.
Das war der Fehler. Nicht das Aushalten – dass ich niemandem Bescheid gesagt habe.
Bis mein Sohn es gesehen hat
Ich war beim Hautarzt. Der hat mir eine Cortisoncreme verschrieben.
Es wurde nicht besser. Irgendwann musste ich in die Uniklinik, dort wurden Hautproben genommen.
Und dann kam ein Wort dazwischen
Nach den Proben sagte man mir, es sei wahrscheinlich Hautkrebs.
Danach kamen Wochen, in denen ich gewartet habe. Man macht in dieser Zeit weiter. Man kocht, man räumt auf, man steht am Pinseltisch. Und im Hintergrund läuft ein Satz mit, den man niemandem sagt.
Es war dann keiner. Gott sei Dank.
Ich schreibe es auf, weil es dazugehört. Es ging in diesen Wochen nicht mehr um Haare.
Die Perücke
Am Ende hat mir meine Hautärztin eine Perücke verschrieben. So dünn waren die Haare geworden, dass ich so nicht mehr aus dem Haus konnte.
Die habe ich mir in Ramsdorf machen lassen, bei einem Hersteller, der das seit Jahrzehnten macht.
Man sitzt da und lässt sich vermessen, und währenddessen denkt man: Das bin nicht ich. Ich bin nicht die Frau, die eine Perücke trägt. Perücken tragen Leute, die krank sind.
Und dann setzt man sie auf und geht damit vor die Tür, und die Welt merkt nichts. Das ist das Merkwürdigste daran. Alle sagen guten Tag wie immer.
Nur ich wusste es. Jede Minute.
Ich habe um die Kündigung gebeten
Erst war ich krankgeschrieben. Sechs, acht Wochen.
Und in diesen Wochen – zum ersten Mal seit langem mit Ruhe – ist mir ein Satz gekommen, der so einfach ist, dass ich mich frage, warum ich dreiviertel Jahre dafür gebraucht habe:
Für ein bisschen Geld muss ich mich nicht fertig machen lassen.
Dann bin ich hingegangen und habe um die Kündigung gebeten. Im April war das.
Im Mai kamen die ersten Haare zurück
Nicht viele. Aber sie kamen.
Im Juni waren es mehr. Ich hatte mir Zeit genommen, ich hatte Ruhe, ich musste nicht mehr dorthin.
Ich glaube nicht, dass eine Creme das gemacht hat. Ich glaube, mein Körper hat aufgehört, sich zu wehren, weil es nichts mehr gab, wogegen.
Vielleicht kennst du das
- Du gehst mit einem Gefühl im Magen zur Arbeit und redest es dir aus.
- Du machst deine Arbeit wie immer, und auf einmal ist sie nicht mehr gut genug.
- Du weinst irgendwo, wo dich keiner sieht, und machst danach weiter.
- Und gesagt hast du es niemandem, weil man sich ja schämt.
Das ist kein Vorwurf
Nicht an mich von damals. Die hat ausgehalten, weil sie es so gelernt hat.
Und auch nicht an die Kolleginnen, die nichts gesagt haben. Wahrscheinlich haben sie es gesehen und waren froh, dass es nicht sie traf. Das ist menschlich, auch wenn es weh tut.
Nur eins stimmt mich bis heute nachdenklich: Mein Körper hat es gesagt, bevor ich es gesagt habe. Er hat es an einer Stelle gesagt, die ich selbst nicht sehen konnte. Und wenn mein Sohn es nicht bemerkt hätte, wäre ich noch länger hingegangen.
Wenn du gerade mittendrin steckst
Ich bin keine Beraterin und kann dir nicht sagen, was du tun sollst. Aber drei Sachen würde ich heute anders machen.
Schreib es auf. Datum, was war, wer war dabei. Nicht um zu kämpfen – sondern damit du in vier Wochen noch weißt, dass du es dir nicht eingebildet hast. Das ist der Punkt, an dem die meisten anfangen, sich selbst zu misstrauen.
Sag es einem Menschen. Irgendeinem. Zu Hause, einer Freundin, der Hausärztin. Allein damit zu bleiben, macht es größer, als es ist.
Und du musst nicht allein zurechtkommen. Es gibt Betriebsräte, Betriebsärztinnen, Gewerkschaften und Beratungsstellen, die genau dafür da sind. Ich wusste das damals nicht, beziehungsweise ich dachte, das sei für andere. War es nicht.
Ob man kündigt, ist eine Frage, die sich nicht jede stellen kann – ich konnte es mir leisten, und das war Glück. Aber die drei Sachen oben kosten nichts.
Ein paar Fragen für dich
Gibt es bei dir etwas, das du aushältst, weil du denkst, du müsstest?
Wer würde es merken, wenn es dir schlecht geht – und hast du es dem schon gesagt?
Und was ist es dir wert? Nicht in Euro. Sondern: Wie viel von dir darf es kosten?
Der Satz für heute
„Für ein bisschen Geld muss ich mich nicht fertig machen lassen."Der Satz für heute
Ich habe dreiviertel Jahre gebraucht, bis ich das sagen konnte.
Du musst nicht so lange brauchen.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel