Ich habe die Fotos gemacht
Deshalb bin ich auf keinem drauf. Aufgefallen ist mir das erst, als die Kinder aus dem Haus waren.
Die Kinder waren ausgezogen. Es war einer von diesen stillen Nachmittagen, an denen man auf einmal Zeit hat und nicht so recht weiß, wohin damit.
Also habe ich die Fotoalben rausgeholt.
Das ist ja schön. Man blättert und lacht und weiß plötzlich wieder, wie klein die mal waren.
Der Freizeitpark
Dann kam die Seite vom Freizeitpark.
Alle drauf. Die Kinder vor der Achterbahn, die Kinder mit Eis, die Kinder mit den Riesenhänden aus Schaumstoff. Ein ganzer Tag in zwölf Bildern.
Ich war dabei. Den ganzen Tag. Ich habe die Brote geschmiert, die Jacken getragen, gewusst, wo das Auto steht.
Aber ich bin auf keinem einzigen Bild.
Weil ich die Fotos gemacht habe.
Und dann habe ich weitergeblättert
Das ist der Teil, den ich nicht mehr vergesse.
Ich habe die anderen Alben auch durchgeschaut. Garten, Ausflüge, die Nachmittage mit den Nachbarn, Planschbecken, Schnee.
Überall dasselbe.
Die gestellten Familienfotos gibt es. Einmal im Jahr, alle in einer Reihe, alle gucken. Auf denen bin ich drauf.
Aber die anderen – die Schnappschüsse, die im Vorbeigehen entstehen, die verwackelten, die man sich später zeigt, weil sie so komisch sind – auf keinem davon bin ich.
Ich saß da mit den Alben auf dem Schoß und dachte: In diesen ganzen Jahren komme ich eigentlich gar nicht vor.
Nicht weil ich nicht da war. Sondern weil keiner mal die Kamera genommen hat.
Und keiner ist auf die Idee gekommen
Ich glaube nicht, dass das jemand mit Absicht gemacht hat.
So war das eben. Einer macht die Bilder, und das war ich, weil ich die Kamera sowieso in der Tasche hatte. Und weil ich diejenige war, die daran gedacht hat, sie mitzunehmen.
Ich hätte sie ja auch mal weitergeben können.
Ist mir nicht eingefallen. Nicht ein einziges Mal an all diesen Tagen.
Vielleicht kennst du das
- Du hast die Erinnerungen für alle anderen gesichert – und für dich blieb nichts übrig.
- Von deinen schönsten Tagen gibt es kein Bild, auf dem du zu sehen bist.
- Wenn jemand die Kamera auf dich richtet, wehrst du ab. „Nicht so, ich seh grad furchtbar aus."
- Du hast dafür gesorgt, dass alle einen schönen Tag hatten. Ob du selbst einen hattest, hat keiner gefragt.
Das ist kein Vorwurf
Ich habe das gern gemacht. Ich wollte, dass die Kinder das später haben.
Und sie haben es ja auch. Sie können sich anschauen, wie es war, und das ist etwas wert.
Nur ist es eben auch das Gleiche wie beim Einkaufszettel und beim Abräumen: Ich habe dafür gesorgt, dass alle etwas Schönes bekommen. Dass ich dabei war, dafür gibt es keinen Beweis.
Mein Tipp für das nächste Mal
Wenn du das nächste Mal irgendwo bist, wo es schön ist – gib jemandem dein Handy.
Und sag nicht „macht mal eins von mir". Das kriegen die wenigsten über die Lippen, ich auch nicht.
Sag: „Mach mal eins von uns."
Das geht viel leichter. Und du bist trotzdem drauf.
Und wenn du es hinterher anschaust und denkst, du siehst nicht gut aus – lösch es nicht. Leg es weg und schau es in einem Jahr nochmal an. Dann siehst du nur noch, dass du dabei warst.
Ein paar Fragen für dich
Wenn du magst, hol die Alben raus. Aber nur, wenn du dazu heute Lust hast.
Von welchem schönen Tag in deinem Leben gibt es kein Bild mit dir drauf?
Wann hast du zuletzt jemanden gebeten, ein Foto von dir zu machen?
Was machst du eigentlich, damit die anderen es später schön haben – und wer macht das für dich?
Bei der letzten kommt oft: keiner. Das ist erst mal hart. Aber wenn man es weiß, kann man es ändern.
Der Satz für heute
"Ich war dabei. Man sieht es nur nicht."Der Satz für heute
Das eine ist nicht das andere.
Dass du auf keinem Bild bist, heißt nicht, dass du nicht da warst. Es heißt nur, dass keiner hingeschaut hat.
Ab jetzt darfst du selbst dafür sorgen.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel