Ich wollte mal Innenarchitektin werden
Mit fünfundvierzig stand ich im Gäste-WC und schaute in den Spiegel.
Es war nachmittags. Ich war kurz im Gäste-WC, nichts Besonderes, und beim Händewaschen habe ich in den Spiegel geschaut.
Und dann kam der Gedanke.
Wollte ich das eigentlich so?
Dass ich für alle anderen die Magd bin. Dass ich hinterhertrage, organisiere, mache und tue.
Das Wort ist mir nicht zufällig gekommen
Magd. Genau das Wort.
Auf dem Hof, als ich klein war, hieß das so. Meine Brüder waren die Knechte, ich war die Magd. Sie durften Trecker fahren, ich stand in der Küche.
Und jetzt stand ich dreißig Jahre später in meinem eigenen Haus, mit fünfundvierzig, und dachte dasselbe Wort.
Ich war da rausgekommen. Und irgendwie doch nicht.
Was ich eigentlich wollte
Ich wollte Innenarchitektin werden.
Das habe ich schon lange keinem mehr erzählt. Es klingt ja fast albern, wenn man es mit fünfundvierzig sagt, im Gäste-WC, mit nassen Händen.
Selbstständig wollte ich sein. Und erfolgreich, warum auch nicht.
Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das aufgehört hat, ein Plan zu sein. Es ist nicht abgesagt worden. Es ist einfach nach hinten gerutscht, wie das so geht.
Und trotzdem – die Kinder wollte ich
Das muss ich dazuschreiben, weil es sonst falsch klingt.
Kinder wollte ich immer. Das war meins, das war keine Notlösung und kein Kompromiss.
Aber „nur Hausfrau, nur Mutter" – das war nicht der Plan. Und Hausfrau schon gar nicht.
Ich koche gern. Ich backe gern, das mache ich heute noch. Damit habe ich nie ein Problem gehabt.
Aber das Putzen. Das Aufräumen. Das ewige Hinterherräumen, das Haus in Schuss halten, der Garten, und nebenbei noch dafür sorgen, dass alles läuft, damit die anderen ihren Tag haben.
Das war nicht meins. Das ist es bis heute nicht.
Warum das keiner gemerkt hat
Weil ich es gut gemacht habe.
Das ist die Falle. Wenn du etwas ordentlich machst, fragt keiner, ob du es gern machst. Es läuft ja.
Und wer soll auch fragen. Ich habe es ja selbst nicht gefragt. Fünfundzwanzig Jahre lang nicht.
Erst da, vor dem Spiegel, in dem kleinen Raum, wo einen keiner sieht.
Vielleicht kennst du das
- Du warst mal auf dem Weg zu etwas anderem. Und du weißt nicht mehr, wann du abgebogen bist.
- Manches im Haushalt machst du gern. Aber eben nicht alles – und getrennt wird da nicht.
- Du machst es gut, also fragt keiner nach. Auch du nicht.
- Wenn dich jemand fragt, was du eigentlich mal werden wolltest, lachst du erst mal.
Das ist kein Vorwurf
Ich habe mich für die Kinder entschieden, und ich würde es wieder tun.
Es ist auch keiner gekommen und hat gesagt: Werd bloß keine Innenarchitektin. Es hat sich einfach ergeben, so wie sich das damals bei vielen ergeben hat.
Nur: Aus „ergeben" wird irgendwann „so ist es eben". Und dann redet keiner mehr drüber, auch nicht mit sich selbst.
Mein Tipp für diese Woche
Trenn einmal, was du gern machst und was nicht.
Das wird nämlich immer in einen Topf geworfen – „der Haushalt". Dabei sind das zwanzig verschiedene Sachen, und ein paar davon magst du wirklich.
Nimm dir eine Arbeit, die du nicht magst. Nur eine. Und stell dir dabei drei Fragen:
Muss ich das machen?
Muss es jetzt sein?
Muss es so oft sein?
Du musst nichts ändern. Bei den meisten Sachen ist die Antwort sowieso dreimal ja. Aber nicht bei allen – und die eine, bei der eine Antwort nein heißt, findest du nur, wenn du fragst.
Ein paar Fragen für dich
Die brauchen ein bisschen Ruhe.
Was wolltest du mal werden – bevor es sich anders ergeben hat?
Was von dem, was du täglich machst, machst du wirklich gern?
Wann hast du dich zuletzt gefragt, ob du das eigentlich so wolltest?
Und wenn dir bei der ersten sofort etwas einfällt: Sag es heute einmal laut. Zu jemandem, oder auch nur in die Küche hinein. Es tut nicht weh, und es ist ja wahr.
Der Satz für heute
"Kinder wollte ich. Magd wollte ich nicht."Der Satz für heute
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
Man kann sein Leben lieben und trotzdem merken, dass ein Teil davon nie zur Wahl stand.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel