Ein Buch und eine Tüte Flips
Warum ich mit dreizehn abends nicht einschlafen konnte – und was ich mir dazu geholt habe
Sonntags bin ich in die Bücherei gegangen und habe mir drei, vier, manchmal fünf Bücher geholt.
Fünf Bücher für eine Woche. Das klingt viel. Für mich war das eine Woche Vorrat.
Anne auf Green Gables habe ich verschlungen. Alice im Wunderland. Solche Bücher – Mädchen, die woanders waren, denen etwas passierte, die jemanden hatten.
Ich habe nachts gelesen. Lange. Länger, als erlaubt war.
Und davor habe ich geweint
Das war eine ganze Zeit lang so. Ich war zwölf, dreizehn, vierzehn. Mit fünfzehn hörte es langsam auf.
Ich habe mich abends in den Schlaf geweint, weil ich das Gefühl hatte, keiner versteht mich. Keiner hat mich lieb.
Und ich habe leise geweint. Das sollte niemand mitkriegen. Wenn das jemand gehört hätte, wäre geschimpft worden.
Also lag ich da, mit dem Kissen, und wartete, bis es aufhörte. Und dann habe ich das Licht wieder angemacht und gelesen.
Warum das so war
Bei uns wurde nicht gelobt.
Das ist kein Vorwurf, ich schreibe es nur so, wie es war. „Ich hab dich lieb" – so einen Satz habe ich nicht gehört. „Ich bin stolz auf dich" auch nicht. „Das hast du gut gemacht" schon gar nicht.
Man durfte Kinder ja nicht verwöhnen. Davon werden sie eingebildet, hieß es. Also wurde gesagt, was noch fehlte, und nicht, was schon da war.
Und wenn du fünfzehn Jahre lang hörst, was noch fehlt, dann gehst du abends nicht zufrieden ins Bett. Dann liegst du da mit dem Gedanken: Du bist nicht genug. Du müsstest mehr sein.
Was genau mehr, das wusste ich auch nicht. Nur eben mehr.
Die Tüte Flips
Nicht jeden Abend. Vielleicht einmal die Woche, wenn es hochkam.
Ich weiß bis heute nicht, wo ich das Geld dafür hergehabt habe. Taschengeld gab es kaum, und viel zu verschenken hatten wir sowieso nicht.
Aber ab und zu lag eine Tüte Flips neben mir, wenn ich gelesen habe. Ein Buch und etwas Süßes, und für eine Weile war ich in Green Gables und nicht in meinem Zimmer.
Ich habe mich lange dafür geschämt. Heute nicht mehr. Ein Kind, das sich abends selbst tröstet, weil sonst keiner kommt, macht nichts falsch. Es hilft sich. Und es hat sich ja auch geholfen.
Vielleicht kennst du das
- Du weißt bis heute nicht recht, was du gut kannst – aber genau, was du nicht kannst.
- Wenn dich jemand lobt, sagst du sofort etwas dagegen. „War doch nichts." „Hat jeder gemacht."
- Du hast dir früh etwas gesucht, das getröstet hat. Ein Buch, eine Serie, Essen, Musik.
- Du hast gelernt, leise zu weinen.
Das ist kein Vorwurf
Meine Mutter hat es auch nicht gehört, als sie klein war. Und ihre Mutter hat es auch nicht gehört.
Man gibt weiter, was man kennt. Das ist keine Bosheit, das ist einfach die Reihe, in der man steht.
Ich glaube trotzdem, dass es bei mir hätte anders sein können. Beides ist wahr.
Mein Tipp für diese Woche
Wenn dich in den nächsten Tagen jemand lobt – irgendetwas, auch etwas Kleines –, dann sag nur ein Wort:
Danke.
Kein „ach, das war nichts". Kein „das hätte jeder gekonnt". Kein Erklären, warum es eigentlich gar nicht so gut war.
Nur danke. Und dann still sein.
Du wirst merken, wie stark der Drang ist, noch etwas hinterherzuschieben. Das ist die alte Stelle. Genau die üben wir gerade.
Ein paar Fragen für dich
Die brauchen ein bisschen Ruhe. Vielleicht abends, wenn es still ist.
Was hättest du als Kind gern gehört – und von wem?
Was hat dich getröstet, wenn keiner da war?
Wann hat dich zuletzt jemand gelobt – und was hast du geantwortet?
Bei der letzten weißt du wahrscheinlich noch genau, was du gesagt hast. Und dass es kein „danke" war.
Der Satz für heute
"Ich war genug. Ich habe es nur nie gehört."Der Satz für heute
Das eine ist nicht das andere.
Dass es keiner gesagt hat, heißt nicht, dass es nicht so war.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel