Wir sind an die Bääke gegangen
Keiner wusste, wo wir waren. Und keiner musste es wissen.
Bääke haben wir bei uns zum Bach gesagt.
Wenn wir uns verabredet hatten – in der Schule oder auf dem Nachhauseweg –, dann haben wir uns getroffen und überlegt: Was machen wir?
Und oft sind wir dann an die Bääke gefahren.
Was wir da gemacht haben
Im Wasser gespielt.
Brücken gebaut, aus Steinen. Papierschiffchen fahren lassen und hinterherlaufen, bis sie irgendwo hängen blieben.
Manchmal waren welche aus meiner Klasse dabei, manchmal Ältere. Je nachdem, wer gerade Zeit hatte.
Nichts Besonderes also. Und gleichzeitig das Beste, was es gab.
Eine Regel gab es
Vor dem Dunkelwerden mussten wir zu Hause sein.
Das war alles.
Keiner wusste, wo genau wir waren. Es gab kein Handy, keine Nachricht, kein „bin gut angekommen“. Man ging los und kam wieder.
Und das war nicht heimlich. Wir haben zu Hause erzählt, dass wir an der Bääke waren – das war ja nicht verboten. Es hat nur keiner gefragt, weil keiner auf die Idee kam, dass man fragen müsste.
Es war einfach selbstverständlich.
Was das mit einem macht
Ich habe lange nicht darüber nachgedacht, was das eigentlich war.
Das war Vertrauen. Nicht ausgesprochen, nicht besprochen, kein pädagogisches Konzept. Man ließ uns gehen, und wir kamen wieder.
Und dabei lernt man etwas, das man nicht beibringen kann: dass man selbst entscheiden darf, was man macht. Sechs Kinder stehen an einer Straße und überlegen, worauf sie Lust haben. Keiner sagt es ihnen.
Das ist eine Fähigkeit. Und ich glaube, man verlernt sie wieder.
Die Frage, die ich mir stelle
Wer lässt seinen Kindern heute noch so viel Raum?
Fast alle haben ein Handy dabei. Manche werden geortet – die Eltern können auf der Karte sehen, wo das Kind gerade ist.
Ich will darüber nicht urteilen. Die Welt ist anders geworden, und ich weiß auch nicht, wie ich das heute machen würde. Vielleicht genauso.
Ich stelle nur fest, dass etwas dabei verlorengeht. Nicht die Sicherheit – die ist gewonnen. Sondern die Stunden, in denen niemand weiß, wo man ist, und in denen man selbst entscheidet, was man tut.
Und jetzt der Teil, um den es mir eigentlich geht
Ich hatte das als Kind.
Und als Erwachsene habe ich es mir nie wieder genommen.
Alle wussten immer, wo ich bin. Zu Hause, im Garten, beim Einkaufen, unterwegs für jemand anderen. Jeder konnte mich erreichen, jeder wusste, was ich gerade mache.
Ich hatte kein Handy nötig, damit man mich ortet. Ich war ja immer da, wo man mich erwartete.
Diese Nachmittage an der Bääke – Stunden, in denen keiner wusste, wo ich bin und keiner etwas von mir wollte – die hat es in meinem Erwachsenenleben nicht mehr gegeben.
Sehr lange nicht.
Vielleicht kennst du das
- Du bist immer erreichbar. Immer.
- Es gibt niemanden, der nicht weiß, wo du gerade bist.
- Wenn du mal zwei Stunden nicht ans Telefon gehst, hast du hinterher Erklärungsbedarf.
- Und du kannst dich nicht erinnern, wann du zuletzt einfach losgegangen bist, ohne Ziel.
Das ist kein Vorwurf
Nicht an heutige Eltern. Die machen das nicht aus Misstrauen, sondern aus Sorge, und Sorge ist nichts Schlechtes.
Und nicht an mich. Erreichbar zu sein war nötig, mit zwei Kindern und allem, was dranhing.
Nur eins stimmt: Aus „ich bin erreichbar, wenn was ist“ wurde irgendwann „ich bin immer erreichbar“. Und den Übergang merkt man nicht.
Mein Tipp für diese Woche
Geh einmal los, ohne dass jemand weiß, wo du bist.
Eine Stunde reicht. Das Handy kannst du mitnehmen – lass es nur in der Tasche.
Sag nicht: Ich gehe zum Einkaufen und dann zur Post. Sag: Ich bin nachher wieder da.
Und dann geh, wohin du willst. Ohne Ziel, ohne Erledigung, ohne dass es hinterher etwas vorzuweisen gibt.
Das ist dieselbe Stunde wie damals an der Bääke. Sie sieht nur anders aus.
Ein paar Fragen für dich
Vielleicht auf so einem Spaziergang.
Wo warst du als Kind, wenn dich niemand suchen konnte?
Wann bist du zuletzt losgegangen, ohne zu sagen wohin?
Wer müsste heute wissen, wo du bist – wirklich wissen, nicht nur der Gewohnheit wegen?
Bei der letzten wird die Liste meistens kürzer, als man denkt.
Der Satz für heute
„Ich bin nachher wieder da.“Der Satz für heute
Mehr muss man nicht sagen.
Das hat damals gereicht. Und es reicht heute auch.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel