ChristelLeichtigkeit im Alltag

Wir haben uns um Omas Pommes gestritten

Und drei Jahre vorher war ich nicht lieb zu Opa gewesen

Eine unberührte Portion Pommes in einer Papierschale auf einem alten Holztisch, daneben eine Eckbank
Bild mit KI erstellt.

Klumpensonntag in Rhede. Den gab es damals erst zum zweiten Mal, und wir waren da gewesen – bei den Ständen, zwischen den Leuten, im Oktober, wenn es früh dunkel wird.

Wir hatten Pommes geholt. Für jeden eine. Und eine für Oma.

Oma war nicht mit. Sie war mit dem Fahrrad zur Schwester meines Vaters gefahren, eins der Kinder hatte Geburtstag.

Die Wohnküche

Zu Hause haben wir uns an die Eckbank gesetzt, wie immer. Papa vor Kopf. Mama an der Seite. Ich Papa gegenüber. Wir Kinder auf der Bank.

Und in der Mitte stand Omas Portion.

Sie war nicht da. Sie würde erst später kommen. Und eine Portion Pommes wartet nicht.

Also durften wir sie aufteilen.

Und dann haben wir uns gezankt

Wer kriegt mehr. Wer hat schon. Wer hatte zuerst gefragt.

Ich weiß nicht mehr, wer gewonnen hat. Ich weiß nur noch, dass es laut war und dass es um nichts ging.

Es war ein ganz normaler Sonntagabend.

Es klopfte

Zwei Männer aus der Siedlung standen da. Ich kannte beide.

Sie haben gesagt, dass Oma tot ist. Ein Auto, hieß es, mit etwa hundertachtzig Sachen. Sie hatte keine Chance.

Mein Vater ist sofort mitgegangen.

Und wir saßen da, an der Eckbank, mit den Pommes vor uns.

Die Pommes blieb stehen

Keiner hat sie angerührt.

Nicht an dem Abend, nicht später. Sie stand einfach da, kalt geworden, und irgendwann war sie weg.

Ich weiß bis heute nicht, wer sie weggeräumt hat.

Das war nicht das erste Mal

Drei Jahre vorher war Opa gestorben. Ich war neun.

Er lag im Krankenhaus und sollte am nächsten Tag nach Hause. Es ging ihm gut genug dafür. Mama und Papa waren abends noch bei ihm, weil er ihren Hochzeitstag mit ihnen feiern wollte.

Sie sind nach Hause gefahren. Zwei, drei Stunden später war er tot.

Und ich war nicht lieb zu ihm gewesen

Vorher, bevor er ins Krankenhaus musste.

Was genau, das tut nichts zur Sache. Es war nichts Schlimmes. Es war das, was Kinder eben machen, wenn sie schlechte Laune haben.

Ich hatte fest damit gerechnet, dass ich es wieder gut machen kann. Er kam ja nach Hause.

Dann kam er nicht nach Hause.

Zweimal dasselbe

Mit neun: nicht lieb gewesen, und es blieb so.

Mit zwölf: um Pommes gestritten, und es blieb so.

Beide Male etwas ganz Gewöhnliches. Beide Male jemand, den ich sehr mochte. Und beide Male keine Gelegenheit mehr, es geradezurücken.

Meine Großeltern waren die, bei denen ich nichts leisten musste. Auf einem Hof, auf dem Mithelfen selbstverständlich war, gab es zwei Menschen, bei denen ich einfach sein durfte.

Mit zwölf waren beide weg. Und bei beiden hing noch etwas Unerledigtes in der Luft.

Was ein Kind daraus lernt

Dass man vorsichtig sein muss.

Dass man lieber gleich lieb ist, sofort, jedes Mal, weil man nie weiß, ob es noch eine Gelegenheit gibt.

Das hat mir keiner beigebracht. Das habe ich mir selbst beigebracht, an einer Eckbank und an einem Krankenhausbett.

Und ich habe mich viele Jahre daran gehalten. Zu allen. Immer.

Ich sage nicht, dass daher alles kommt. Aber ein Teil, glaube ich, schon.

Vielleicht kennst du das

Das ist kein Vorwurf

Nicht an meine Eltern. Die hatten an diesen Abenden ganz andere Dinge zu tragen, und so war das damals: Es ging weiter, weil es weitergehen musste.

Und auch nicht an mich von damals. Die Neunjährige hatte schlechte Laune. Die Zwölfjährige wollte mehr Pommes. Beide haben nichts getan.

Nur eins stimmt: Uns hat keiner gesagt, dass wir nichts falsch gemacht haben. Das hätte gereicht. Ein Satz.

Wenn du so eine Stelle hast

Es gibt Sätze, die ein Kind hätte hören müssen und nie gehört hat. Man kann sie sich nachträglich selbst sagen. Es kommt einem albern vor, und es wirkt trotzdem.

Meiner geht so: Du hast nichts getan. Du warst neun. Du warst zwölf.

Ich sage ihn nicht jeden Tag. Aber wenn ich an der Stelle vorbeikomme, an der es passiert ist – und ich komme dort vorbei –, dann sage ich ihn manchmal leise.

Und dann denke ich an sie. Das darf ja auch sein.

Ein paar Fragen für dich

Vielleicht nicht sofort. Vielleicht, wenn es ruhig ist.

Gibt es etwas aus deiner Kindheit, das du nicht mehr gut machen konntest?

Wie alt warst du damals – und was würdest du einem Kind in dem Alter heute sagen?

Bist du heute schneller nett, als dir guttut?

Bei der letzten wird es bei manchen still. Und dann wird ein Zusammenhang sichtbar, den man vierzig Jahre nicht gesehen hat.

Der Satz für heute

„Ich konnte es nicht mehr gut machen."Der Satz für heute

Das stimmt. Bei beiden.

Und trotzdem war da nichts gutzumachen. Ein Kind mit schlechter Laune ist kein schlechter Mensch, und ein Kind, das mehr Pommes will, auch nicht.

Die Pommes blieb an dem Abend stehen. Nicht weil wir schuldig waren – sondern weil keiner mehr essen konnte. So sieht Trauer aus, wenn sie in eine Wohnküche kommt: als Teller, den keiner anrührt.

Alle Texte ansehen →

Wenn du magst, machen wir weiter

Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.

Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.

Die Begleitung ansehen

Ruf mich an

Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:

Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.

Deine Christel

← Alle Texte