Wir haben gerufen, und sie ging weiter
Meine Tante war Nonne und durfte zwanzig Jahre nicht nach Hause
Die Schwester meines Vaters ist in einen Orden eingetreten, da war ich noch nicht geboren.
Beim Eintritt hat sie unterschrieben, dass sie zwanzig Jahre nicht nach Hause kommt. So war das damals. Man unterschrieb das, und dann galt es.
Wir haben sie trotzdem gekannt
Nicht gut, aber wir wussten, wer sie war. Es gab Briefe. Es wurde von ihr gesprochen. Und ganz selten durfte sie doch einmal kommen.
Und dann war sie da, und sie hatte Zeit.
Das war das Besondere an ihr. Bei uns hatte keiner Zeit. Alle arbeiteten, immer, das ganze Jahr. Sie kam von weit her, setzte sich hin und hörte zu.
Wir Kinder haben sie alle sehr gemocht. Ich glaube, genau deswegen.
Als Opa starb, durfte sie kommen
Ich war neun. Mein Opa war ganz plötzlich gestorben, und ich habe ihn sehr gemocht.
Für die Beerdigung wurde eine Ausnahme gemacht. Sie durfte nach Hause.
Und wir Kinder haben uns gefreut. Das klingt schrecklich, wenn ich es so hinschreibe – da war eine Beerdigung, und wir haben uns auf einen Besuch gefreut. Aber so sind Kinder. Zwei Dinge passen gleichzeitig in sie hinein.
Sie kam über den Hof
Wir standen da und haben gerufen.
Immer wieder ihren Namen, alle durcheinander, so wie Kinder eben rufen, wenn sie sich freuen.
Und sie ist weitergegangen.
Nicht böse. Nicht laut. Sie hat nicht geschimpft und nichts gesagt. Sie hat uns einfach nicht angesehen und ist an uns vorbei ins Haus gegangen.
Das vergesse ich bis heute nicht
Nicht die Beerdigung. Die weiß ich nur noch in Stücken.
Aber diesen Moment weiß ich genau. Wie wir dastanden und riefen und wie es dann still wurde, weil keiner mehr wusste, was man jetzt macht.
Man ruft ja nicht zweimal.
Was ich heute darüber weiß
Sie hatte gerade ihren Vater verloren.
Sie war jahrelang nicht zu Hause gewesen und kam an einem der schlimmsten Tage zurück, in ein Haus voller Menschen, die alle etwas von ihr wollten. Vielleicht hat sie uns gar nicht gehört. Vielleicht hat sie es gehört und konnte nicht.
Ich bin ziemlich sicher, dass es nichts mit uns zu tun hatte.
Als Kind weiß man das nicht. Als Kind rechnet man anders: Ich habe gerufen, und sie ist weitergegangen. Also war ich nicht wichtig genug.
Vielleicht kennst du das
- Du hast dich als Kind auf jemanden gefreut, und derjenige hat dich übersehen.
- Du hast einmal gerufen und danach nie wieder.
- Du wartest lieber, bis du gefragt wirst, statt dich zu melden.
- Und wenn dich jemand übersieht, denkst du zuerst, es liegt an dir.
Das ist kein Vorwurf
Nicht an meine Tante. Die hat an dem Tag genug getragen.
Und auch nicht an die Erwachsenen, die es gesehen haben. Da war eine Beerdigung, da hatte jeder seins.
Nur eins wäre schön gewesen: wenn hinterher jemand gesagt hätte, dass das nichts mit uns zu tun hatte. Ein Satz. Es hat nur keiner gesagt, weil es keinem aufgefallen ist.
Und was keiner erklärt, das erklärt sich ein Kind selbst. Meistens falsch.
Mein Tipp
Wenn dich das nächste Mal jemand übersieht – im Laden, am Telefon, in der Familie –, dann versuch einen einzigen Gedanken:
Vielleicht trägt der gerade etwas, von dem ich nichts weiß.
Das ist keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen, und man muss auch nicht alles hinnehmen. Aber es ist meistens richtiger als der andere Gedanke, der automatisch kommt.
Und wenn du Kinder um dich hast: Sag es ihnen. Sag, das lag nicht an dir. Es kostet einen Satz und erspart vierzig Jahre.
Ein paar Fragen für dich
Wann hast du zuletzt gerufen und keine Antwort bekommen?
Wen hast du als Kind bewundert, weil er Zeit für dich hatte?
Und wem könntest du heute diese Zeit geben – auch wenn es nur eine halbe Stunde ist?
Bei der zweiten fällt vielen jemand ein, an den sie lange nicht gedacht haben. Es sind selten die Wichtigsten. Es sind meistens die, die zugehört haben.
Der Satz für heute
„Manchmal geht jemand weiter, und es hat nichts mit dir zu tun."Der Satz für heute
Ich habe fast fünfzig Jahre gebraucht, um das zu denken.
Das Kind, das da auf dem Hof stand und rief, hat es damals anders verstanden. Und ist dann leiser geworden.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel