ChristelLeichtigkeit im Alltag

Der Likör wurde besser, wenn ich ihn in Ruhe ließ

Das Einzige im Haus, für das das galt

Ein Einmachglas mit Brombeeren in Likör auf einem Holztisch, daneben Kandis und eine Vanilleschote
Bild mit KI erstellt.

Wir hatten Brombeeren im Garten. Zuhauf.

Wenn sie reif waren, standen sie morgens in der Küche. Eimerweise, manchmal Schüsseln daneben.

Gefragt hatte mich keiner. Und es musste auch keiner fragen – es war ja klar, wer sie verarbeitet.

Brombeeren warten nicht

Das ist das Tückische daran. Einmal gepflückt, hat man vielleicht zwei Tage.

Also stand ich in der Küche, verlas, wusch, kochte ein, füllte ab. Gläser auskochen, Deckel, beschriften. Die Küche klebte, die Finger waren lila, und abends war die Anrichte voll.

Es war schön, wenn es fertig war. Es war nur nie meine Entscheidung gewesen, dass es anfängt.

Und dann gab es den Likör

Den habe ich auch gemacht. Aber der war anders.

Guter Rum oder Weinbrand. Kandis. Eine Vanilleschote. Die Beeren drauf, alles ins Glas, zugemacht.

Und dann kommt der Teil, an den ich heute noch denke:

Dann darf man nichts mehr tun.

Wochen im dunklen Schrank

Der Likör wollte stehen. In Ruhe, im Dunkeln, kühl. Wochenlang.

Man kann ihn nicht beschleunigen. Man kann nicht rühren, nicht nachbessern, nicht schneller machen. Jedes Anfassen wäre falsch gewesen.

Das Einzige, was er brauchte, war, dass ich ihn in Ruhe ließ.

Mir ist das damals nicht aufgefallen

Heute schon.

In meinem ganzen Haushalt gab es nichts, das besser wurde, wenn ich es liegen ließ. Wäsche wurde nicht sauberer. Geschirr wurde nicht weniger. Der Garten wuchs zu. Alles brauchte mich, jeden Tag, sonst wurde es schlimmer.

Nur dieses eine Glas im Schrank wurde von ganz allein besser.

Und ich bin jeden Tag daran vorbeigegangen und habe es nicht gemerkt.

An Weihnachten wurde er aufgemacht

Dann saßen alle da und sagten, wie gut der ist.

Und ich habe mich gefreut und mitgetrunken und nichts weiter gedacht.

Dabei hätte ich sagen können: Dafür habe ich seit November nichts getan.

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Das ist kein Vorwurf

Nicht an die, die sich über den Likör gefreut haben. Der war ja auch gut.

Und nicht an mich von damals. Ich habe gemacht, was gemacht werden musste, und ich konnte es gut.

Nur eins ist mir mit den Jahren klar geworden: Ich habe nie gelernt, dass etwas auch ohne mich gut werden kann. Dass Stillstehen manchmal die Arbeit ist.

Das Glas im Schrank hat es mir jedes Jahr vorgemacht. Und ich bin jedes Jahr daran vorbeigegangen.

Heute mache ich ihn nicht mehr

Nicht, weil ich ihn aufgegeben hätte. Hier, wo ich jetzt wohne, wachsen einfach keine Brombeeren.

Die Marmelade koche ich noch. Den Likör nicht.

Manches hört nicht mit einer Entscheidung auf, sondern damit, dass man woanders wohnt. Das ist auch in Ordnung.

Mein Tipp

Such dir eine Sache, die von allein besser wird, wenn du sie in Ruhe lässt.

Es muss kein Likör sein. Brot, das geht. Teig, der ruht. Ein Glas Kräuter im Öl. Zwiebeln, die einlegen. Sauerteig, wenn du mutig bist.

Setz es an, stell es weg, und dann lass es stehen.

Und jedes Mal, wenn du daran vorbeigehst, denk einen Satz: Das wird gerade fertig, und ich tue nichts dafür.

Das ist eine kleine Sache. Aber wer das nie erlebt hat, glaubt es nämlich nicht.

Ein paar Fragen für dich

Was landet bei dir auf dem Tisch, ohne dass jemand gefragt hat?

Was in deinem Leben wird besser, wenn du es in Ruhe lässt – und wann hast du das zuletzt zugelassen?

Und bei welcher Sache hältst du dich für unersetzlich, obwohl sie auch ohne dich fertig würde?

Die letzte tut ein bisschen weh. Sie lohnt sich trotzdem.

Der Satz für heute

„Es wurde besser, weil ich nichts getan habe."Der Satz für heute

Ein einziges Glas im Schrank hat mir das vorgemacht, jedes Jahr, wochenlang.

Ich habe nur nicht hingesehen.

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Wenn du magst, machen wir weiter

Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.

Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.

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Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:

Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.

Deine Christel

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