Wann bin ich eigentlich mal dran?
Warum wir uns selbst hinten anstellen – und wie du es überhaupt erst mal bemerkst
Es kommt Besuch.
Die Männer sitzen im Wohnzimmer. Es werden Karten gespielt. Es wird geraucht, es wird ein Bier getrunken. Sie sitzen einfach da.
Und ich bin in der Küche.
Schnittchen machen. Kuchen anschneiden. Kaffee aufsetzen, nachschenken, abräumen, wieder aufsetzen. Zwischendurch schaue ich rein und frage, ob noch jemand etwas möchte. Und dann gehe ich wieder raus.
Am Ende des Abends sagen alle: "Das war schön."
Und ich denke: Ja. Bestimmt.
Ich war bei jedem Fest dabei und habe keins mitgefeiert
So war das bei uns. Und ich habe nie darüber nachgedacht, weil es einfach so war. Die Männer saßen, die Frauen machten. Das hat auch keiner böse gemeint. So hat man das gemacht.
Aber wenn ich heute darüber nachdenke, fällt mir etwas auf: Ich weiß gar nicht, worüber die sich unterhalten haben.
Ich war ja nie lange genug im Raum.
Ich habe die schönen Abende gemacht. Ich habe sie nicht gehabt.
Und dann war es unser eigenes Wohnzimmer
Jetzt könnte ich sagen: Das war eben früher so. Auf dem Hof, bei meinen Eltern, in einer anderen Zeit.
Stimmt aber nicht.
Später hatten wir ein eigenes Haus. Da wurden keine Karten mehr gespielt und geraucht wurde auch nicht mehr. Es sah ganz anders aus als bei uns zu Hause.
Und trotzdem war ich diejenige, die gelaufen ist. Die Getränke geholt hat. Die nachgeschenkt hat. Die das Essen vorbereitet, aufgetischt und hinterher abgeräumt hat.
Es wäre keinem eingefallen, mal mit aufzustehen.
Und ehrlich gesagt: mir auch nicht. Ich habe niemanden gefragt. Ich bin einfach gelaufen. Das war ja meine Aufgabe – so habe ich das gesehen.
Das habe ich jahrelang gemacht, ohne es zu merken
Ich komme vom Land. Bei uns wurde nicht viel über Gefühle geredet – bei uns wurde gemacht. Für die Tiere, für die Familie, für den Hof. Und das habe ich mitgenommen: Erst kommen die anderen, dann komme vielleicht ich.
Wir lernen früh, dass wir gebraucht werden, wenn wir für andere da sind. Und irgendwann ist das kein bewusstes Tun mehr. Es ist eine Gewohnheit geworden, die so selbstverständlich läuft, dass wir sie gar nicht mehr sehen.
Ich wollte immer, dass es allen gut geht. Und mich selbst habe ich hintendran gehängt. Nicht aus Traurigkeit. Aus Gewohnheit.
Vielleicht kennst du das
- Du bist bei jedem Fest dabei und hast keins mitgefeiert.
- Du räumst schon ab, während die anderen noch erzählen.
- Du sagst "ja", obwohl du innerlich "nein" denkst.
- Du sagst zu, bevor du überhaupt nachgeschaut hast, ob es überhaupt geht.
- Und wenn du endlich zur Ruhe kommst, meldet sich das schlechte Gewissen.
Wenn dir davon auch nur eins bekannt vorkommt: Da ist nichts kaputt an dir.
Du hast nur lange sehr gut funktioniert.
Es geht noch gar nicht ums Ändern
Das ist mir wichtig, deshalb sage ich es gleich: Du musst nichts umkrempeln. Kein Programm, kein "ab morgen ist alles anders". Das hält sowieso keine drei Tage.
Es geht erst mal nur ums Bemerken.
Und Bemerken heißt nicht, dass du dich jetzt ärgern musst. Ich bin auch nicht wütend auf die Männer im Wohnzimmer. Ich habe mich ja selbst in die Küche gestellt, keiner hat mich hingeschickt.
Es heißt nur: einmal hinschauen. Da stehst du. Und da sitzen die anderen.
Mein Tipp für diese Woche
Nimm dir eine Gelegenheit, bei der Leute zusammenkommen. Ein Kaffee, ein Geburtstag, ein Sonntagnachmittag.
Und dann setz dich einmal hin.
Nicht für den ganzen Abend. Zehn Minuten reichen. Setz dich dazu, hör zu, trink deinen Kaffee im Sitzen.
Das fühlt sich komisch an. Du wirst denken, dass da noch was zu tun ist – und da ist auch was zu tun, das stimmt sogar. Es läuft trotzdem weiter.
Zehn Minuten sitzen, während die anderen sitzen. Mehr nicht.
Ein paar Fragen für dich
Nimm dir einen Kaffee. Und einen Zettel, wenn du magst.
Wo in deinem Tag kommst du zuletzt?
Wann hast du zuletzt bei etwas mitgemacht, statt es zu machen?
Was hättest du heute gebraucht?
Es muss nichts Kluges dastehen. Es muss nur von dir sein.
Der Satz für heute
"Ich habe die schönen Abende gemacht. Gehabt habe ich sie nicht."Der Satz für heute
Das ist kein Vorwurf an irgendwen. Es ist nur einmal ehrlich hingeschaut.
Und das ist der Anfang.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel