ChristelLeichtigkeit im Alltag

Meine Brüder saßen auf dem Trecker

Warum ich nie gelernt habe, nach etwas für mich zu fragen

Grünes Bild mit einem alten Trecker auf einer Wiese
Bild mit KI erstellt.

Ich habe eine schöne Kindheit gehabt. Das will ich gleich am Anfang sagen, damit hier kein falscher Eindruck entsteht.

Wir hatten einen Hof. Und wir hatten eine Straße hinterm Haus, ein Eckchen weg, da haben wir uns mit drei Nachbarsmädels getroffen. Rollschuhe gefahren, Hinkeln gespielt. Jeder konnte von zu Hause aus sehen, dass da jemand war – Handys, mit denen man uns hätte verfolgen können, gab es nicht. Wir sind zum Bach gegangen und haben Kaulquappen gefangen.

Man hat sich geholfen. Ganz selbstverständlich, in alle Richtungen.

Ich würde nichts davon hergeben wollen.

Und trotzdem lag da etwas drin

Wir haben alle mit angepackt. Schweine füttern, Stall ausmisten, kochen – mal mit Mama, mal mit Oma, später allein. Putzen. Überall Hand angelegt, wo wir gebraucht wurden.

Aber wenn ich heute genau hinschaue, war die Arbeit nicht für alle dieselbe.

Meine Brüder saßen auf dem Trecker. Ich nicht. Mein Vater wollte das nicht, er meinte, das sei schlecht für die weiblichen Geschlechtsorgane. Heute weiß ich, dass das Blödsinn ist. Damals hat man das so gesagt, und damals hat man die Antworten seiner Eltern nicht hinterfragt. Man hat auch nicht dagegen gemeckert. Man hat es hingenommen.

Dabei wollte ich unbedingt Trecker fahren. Nicht mal, weil mich der Trecker so gereizt hätte. Sondern weil ich es gemein fand, dass meine Brüder durften und ich nicht.

Sie waren die Knechte. Ich war die Magd.

Damals hätte ich das nie so gesagt. Heute fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Was ich als Mädchen schon konnte

Ich war übrigens nicht immer das brave Kind, das gesprungen ist, wenn gerufen wurde.

Ich habe mich auch mal verdrückt. Habe gesagt, ich müsste noch was für die Schule machen – und bin dann eben nicht mit rausgegangen. Das war nicht immer ganz wahr.

Lange habe ich mich dafür ein bisschen geschämt. Heute sehe ich das anders. Da war ein Mädchen, das gemerkt hat: Ich brauche auch mal was für mich. Und das es sich genommen hat, weil es anders nicht ging. Fragen konnte man ja nicht. "Ich hätte gern eine Stunde für mich" – so einen Satz gab es bei uns nicht.

Ich konnte das also. Ganz früher konnte ich das schon.

Die Frage ist eher, wann ich es wieder verlernt habe.

Fragen konnte man nicht

An diesem Satz bin ich hängen geblieben, als ich das hier aufgeschrieben habe.

Fragen konnte man nicht.

Es war ja nicht verboten. Keiner hätte mich ausgeschimpft, wenn ich gesagt hätte: Ich hätte gern eine Stunde für mich. Es kam nur keiner auf die Idee. Ich nicht, und die anderen auch nicht.

So einen Satz habe ich bei uns nie gehört. Nicht von meiner Mutter, nicht von meiner Oma, nicht von meinem Vater.

Und dann ist da noch etwas, das mir erst jetzt aufgefallen ist

Ich habe meine Mutter nie einfach sitzen sehen.

Meine Oma auch nicht. Meinen Vater, meinen Opa – nie. Nicht ein einziges Mal einfach nur dasitzen, ohne dass die Hände etwas taten. Es lagen immer Bohnen auf dem Schoß oder es wurde ein Apfel geschält, für uns Kinder.

Da wurde keiner faul genannt. Da hätte auch keiner gemeckert. Es ist einfach nie passiert.

Und wenn du fünfzehn, zwanzig Jahre lang niemanden siehst, der einmal etwas für sich möchte, dann lernst du auch nicht, dass man das sagen darf. Du lernst etwas anderes: Man nimmt sich still, was geht. Oder man lässt es.

Und heute?

Heute merke ich, dass ich es immer noch nicht richtig kann.

Ich sage nicht "ich hätte gern". Ich sage "ist mir egal". Ich sage "macht ihr mal". Und dann nehme ich mir hinterher heimlich meine zehn Minuten, wenn keiner hinschaut – genau wie damals mit den Schulaufgaben.

Das funktioniert ja auch. Es ist nur anstrengend.

Fragen wäre einfacher gewesen. Die ganzen Jahre über.

Das ist kein Vorwurf

Ich will hier nicht meine Eltern schlechtmachen. Die haben getan, was sie kannten, und sie haben es gut gemeint. Auf einem Hof wird gemacht, sonst geht es nicht. Und meine Mutter hat auch nie jemanden gefragt. Die hat es genauso wenig gelernt wie ich.

Es ist auch kein Vorwurf an dich. Du hast nichts falsch gemacht – du hast nur nie gesehen, wie es anders geht.

Du hast nur etwas gelernt, was damals gestimmt hat – und was heute nicht mehr passt.

Nur mal hinschauen

Was durfte dein Bruder, was du nicht durftest – und hast du jemals gefragt, warum?

Wann hast du dir zuletzt still genommen, was du eigentlich hättest sagen können?

Kennst du jemanden, der einfach sagt, was er möchte? Und was denkst du über den?

Bei der letzten kommt oft ein "die traut sich was". Und ein bisschen Neid ist da meistens auch dabei.

Der Satz für heute

"Ich hätte gern eine Stunde für mich."Der Satz für heute

Diesen Satz gab es bei uns nicht. Bei dir vielleicht schon.

Und wenn dir eine Stunde zu viel vorkommt, fang kleiner an. Sag einmal in dieser Woche einen Satz, der mit "Ich hätte gern" anfängt. Zu einem anderen Menschen, nicht zu dir selbst. Und bei etwas Harmlosem, da ist es leichter.

"Ich hätte gern den Platz am Fenster."
"Ich hätte gern noch fünf Minuten."
"Ich hätte gern mal wieder Rouladen."

Kein "wenn es dir nichts ausmacht". Kein "aber nur, falls". Nur der Satz.

Das fühlt sich fremd an. Klar fühlt sich das fremd an. Es ist ja ungeübt.

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Wenn du magst, machen wir weiter

Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.

Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.

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Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:

Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.

Deine Christel

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