"Stell dich nicht so an"
Warum es dir bis heute schwerfällt zu sagen, dass dir etwas wehtut
Ich bin vom Strohsolder gefallen.
Zwischen zwei Mehlsilos durch, nach unten, auf Holzbretter. Vier, fünf Meter. Ich weiß noch, wie ich unten lag und erst mal gar nicht wusste, was passiert ist.
Dann bin ich zu meiner Mutter gegangen.
Und sie hat gesagt: "Stell dich nicht so an. Passiert schon mal."
Diesen Satz habe ich oft gehört
Wenn ich mich gestochen hatte. Wenn ich mich geschnitten hatte. Wenn ich mich gestoßen hatte. Immer derselbe Satz.
Bei den Jungs hieß es: "Indianer kennen keinen Schmerz." Das sagt man heute nicht mehr, und das ist auch gut so. Aber damals sagte man es, und wir haben alle verstanden, was gemeint war.
Gemeint war: Reiß dich zusammen.
Und wenn dann doch Tränen kamen, kam gleich noch einer hinterher: "Hab dich nicht so."
Da wusste man dann Bescheid.
Und es ging nicht nur um aufgeschlagene Knie
Bei uns zu Hause wurde nicht viel Liebe gegeben. Nicht durch Umarmen, nicht durch Worte. Und wenn ich mich mal beschwert habe – "mich hat keiner lieb" – dann kam derselbe Satz.
Stell dich nicht an.
Das ist der Punkt, an dem so ein Satz gefährlich wird. Bei einem blauen Fleck geht er vorbei. Aber wenn er auch dann kommt, wenn du sagst, dass du dich einsam fühlst, dann lernst du etwas anderes: Meine Gefühle sind eine Übertreibung. Ich bin zu viel.
Und das hört nicht auf, wenn du achtzehn wirst.
Es hat mich mein Leben lang begleitet
Später hatte ich Haarausfall. Ich musste eine Perücke tragen.
Und ich habe zu hören gekriegt: "Andere haben's schlimmer als du."
Noch später stand der Verdacht auf Hautkrebs im Raum. Wochenlang wusste ich nicht, woran ich bin.
Und ich habe zu hören gekriegt: "Andere haben's schlimmer."
Es stimmt ja auch. Es haben immer irgendwo Leute schlimmer. Das ist das Gemeine an diesem Satz – er ist nicht mal gelogen. Er ist nur an der falschen Stelle wahr.
Denn er sagt dir nicht: Es ist nicht so schlimm.
Er sagt dir: Sei still.
Was ich abends gemacht habe
Ich bin oft weinend ins Bett gegangen. Und habe mich in den Schlaf geweint. Das war nicht ein oder zweimal, das war regelmäßig, und ich kann mich bis heute gut daran erinnern.
Und dann habe ich ein Buch gelesen. Und eine Tüte Flips dazu gegessen.
Ich habe mir den Trost geholt, den ich kriegen konnte.
Lange habe ich mich dafür geschämt. Heute denke ich anders darüber. Da war ein Kind, dem tagsüber niemand zugehört hat – und das sich abends selbst versorgt hat. Mit einer Geschichte und mit etwas Süßem. Das war das Einzige, was ging.
Das war nicht schwach. Das war klug.
Vielleicht kennst du das
- Du sagst "ist nicht schlimm", bevor jemand fragen kann.
- Beim Arzt spielst du die Beschwerden kleiner, als sie sind.
- Wenn dich jemand tröstet, wird es dir unangenehm.
- Du vergleichst deinen Kummer mit dem von anderen – und kommst zu dem Schluss, dass du kein Recht darauf hast.
- Wenn du weinst, entschuldigst du dich dafür.
Das ist kein Charakterfehler. Das ist ein alter Satz, der noch mitläuft.
Mein Tipp
Streich das Wort "eigentlich".
"Eigentlich geht's mir gut." "Eigentlich ist es nicht so schlimm." "Eigentlich kann ich mich nicht beklagen."
Dieses Wörtchen ist die kleine Schwester von "stell dich nicht so an". Es macht klein, bevor jemand anderes es tut.
Sag stattdessen einmal am Tag, wie es wirklich ist. Erst mal nur zu dir selbst. Im Auto, beim Zähneputzen, egal.
"Mir tut heute der Rücken weh." "Ich bin traurig." "Das war zu viel."
Kein Vergleich hinterher. Kein "aber andere haben's schlimmer". Punkt und fertig.
Das fühlt sich am Anfang wie Jammern an. Ist es aber nicht. Es ist einfach die Wahrheit.
Ein paar Fragen für dich
Welchen Satz hast du als Kind gehört, wenn dir etwas wehtat?
Wo sagst du heute "ist nicht schlimm", obwohl es schlimm ist?
Wem würdest du erlauben, sich genau so zu fühlen, wie du dich gerade fühlst – nur dir selbst nicht?
Bei der letzten fällt einem oft sofort ein Name ein. Die eigene Tochter zum Beispiel. Bei der wäre es völlig in Ordnung.
Der Satz für heute
"Mir darf etwas wehtun."Der Satz für heute
Ohne Vergleich. Ohne Rechtfertigung. Ohne "aber".
Es haben immer welche schlimmer. Das ändert nichts daran, dass du gefallen bist.
Wenn du magst, machen wir weiter
Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.
Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.
Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:
- Mein Begleitbuch „Zurück zu dir“
Zwölf ruhige Wochen mit viel Platz zum Reinschreiben. Kein Programm, kein Druck. - Der erste Schritt
Ein Abend über Zoom, eine Stunde, in kleiner Runde, 39 €. Du musst weder die Kamera anmachen noch etwas sagen.
Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.
Deine Christel