ChristelLeichtigkeit im Alltag

Meine Katze hat mich von der Schule abgeholt

Und was ich an dem Morgen gelernt habe, als sie tot an der Bushaltestelle lag

Grünes Bild mit einer Katze auf einer Bank an einem Feldweg
Bild mit KI erstellt.

Sie hieß Mausi. Eine Glückskatze, dreifarbig – für mich sieht bis heute so eine richtige Katze aus.

Ich weiß gar nicht mehr, wie sie zu mir gekommen ist. Wahrscheinlich war sie ein Junges von irgendeiner anderen Katze, auf einem Hof läuft das so. Sie war einfach irgendwann da. Und dann war sie meine.

Wir sind mit dem Bus zur Schule gefahren. Und wenn ich mittags zurückkam, saß sie an der Bushaltestelle und wartete. Jeden Tag. Sie ist mit mir nach Hause gelaufen, das ganze Stück, als hätten wir das so abgesprochen.

Es gibt nichts Schöneres für ein Kind, als aus dem Bus zu steigen und da sitzt jemand und hat auf einen gewartet.

Auf dem Strohsolder

Danach sind wir oft nach oben aufs Stroh. Da haben wir gespielt und geschmust und die Zeit vergessen.

Auf einem Hof gibt es immer etwas zu tun. Da wurde nicht gefragt, ob man Lust hat. Da wurde gemacht, und alle haben angepackt. Das war normal, und ich habe da auch viel gelernt.

Aber oben auf dem Stroh, mit dieser Katze, musste ich gar nichts sein. Nicht die Fleißige, nicht die Hilfsbereite, nicht die, die schon groß genug ist. Sie hat mich genommen, wie ich war. Ohne dass ich dafür etwas tun musste.

Ich glaube, das war das Erste in meinem Leben, was einfach nur meins war.

Später hatte sie Junge. Drei Würfe insgesamt. Beim ersten Mal hat sie mich hingeführt und mir die Kleinen gezeigt – so kam es mir jedenfalls vor, dass sie mir ihre Kinder vorstellt. Da war ich unheimlich stolz.

Dann kam dieser Morgen

Ich war so zehn, elf, zwölf. Weiterführende Schule schon.

Und eines Morgens lag sie an der Bushaltestelle. Tot. Erschossen von einem Jäger, der bei uns die Jagd hatte. Damals durften Katzen den Hof nicht verlassen, so war das eben, und wer sich nicht daran hielt, dessen Katze war Freiwild.

Ich bin nach Hause gerannt und habe es meiner Mutter erzählt.

Und dann bin ich zur Schule gefahren.

Das ist der Satz, um den es hier geht

Zu Hause bleiben, weil es einem so richtig dreckig geht – das gab es nicht. Das war überhaupt nicht machbar.

Da war niemand böse. Meine Mutter war nicht kalt und keiner hat mich ausgelacht. Es kam einfach niemandem in den Sinn, dass ein totes Tier ein Grund sein könnte, einen Tag anders zu machen als sonst. Der Bus fuhr. Also fuhr man mit.

Und ich bin an dem Morgen an derselben Haltestelle in den Bus gestiegen.

So lernt ein Kind, dass Gefühle warten müssen. Nicht durch einen bösen Satz. Sondern dadurch, dass der Tag einfach weitergeht, als wäre nichts.

Und dieses Warten hört irgendwann nicht mehr auf.

Was das mit heute zu tun hat

Wenn du dich fragst, warum du bei einer Erkältung noch das Abendessen kochst. Warum du am Tag nach einer Beerdigung wieder funktionierst. Warum es dir peinlich ist, wenn dir die Tränen kommen, und du dich schnell wieder zusammenreißt.

Dann liegt das oft nicht daran, dass du besonders stark bist.

Sondern daran, dass du früh gelernt hast: Der Bus fährt trotzdem.

Das ist keine Schuld, weder deine noch die deiner Eltern. Die haben es selbst nicht anders gelernt. Aber du darfst es heute anders machen.

Ein Wort noch zu den Katzen

Ich bin richtig froh, dass Katzen heute streunen dürfen. Dass sie über Straßen laufen und über fremde Höfe und abends wiederkommen, wann sie wollen.

Das ist die Natur. Und Mausi wäre dann vielleicht noch ein paar Jahre an dieser Haltestelle gesessen und hätte auf mich gewartet.

Nur mal hinschauen

Wer oder was war in deiner Kindheit einfach nur deins – ohne dass du etwas dafür tun musstest?

Erinnerst du dich an einen Tag, an dem dir etwas nahegegangen ist und der Alltag trotzdem einfach weiterlief?

Und wann hast du dir zuletzt erlaubt, traurig zu sein, ohne dich gleich wieder zusammenzureißen?

Der Satz für heute

"Meine Gefühle dürfen auch mal Platz haben."Der Satz für heute

Nicht später. Nicht wenn alles erledigt ist. Jetzt.

Und wenn dir das komisch vorkommt: Das ist normal. Du hast es nur nie anders gesehen.

Alle Texte ansehen →

Wenn du magst, machen wir weiter

Ich bin Christel. Ich komme vom Land, war jahrelang die, die für alle da war – und habe mir irgendwann selbst wieder Platz gemacht.

Heute begleite ich Frauen, denen es ähnlich geht. Acht Gespräche über acht Wochen, nur du und ich, in deinem Tempo. Vorher lernen wir uns kennen – zwanzig Minuten am Telefon, und das kostet nichts. Entscheiden musst du danach in Ruhe zu Hause.

Die Begleitung ansehen

Ruf mich an

Und wenn dir das noch zu groß ist – es gibt auch kleinere Türen:

Pass gut auf dich auf. Du bist es wert.

Deine Christel

← Zum Blog